Love Never Dies
Liebe zwischen den Welten
Klappentext
Stille.
Kälte.
Leere.
Seit dem Tod ihrer Eltern ist Valeria nur noch ein Schatten dessen, was sie einmal war.
Nachts glaubt sie, Stimmen zu hören, Flüstern im Dunkeln – und jedes Mal hofft sie, es seien ihre Eltern, die zu ihr zurückkehren.
Aus dieser Sehnsucht heraus vollzieht sie ein uraltes Ritual, um Antworten zu finden. Doch es antwortet ihr keine vertraute Stimme. Sondern etwas anderes.
Love Never Dies ist die dritte Veröffentlichung von Daniel Heart – eine düstere, sinnliche Geschichte über Trauer, Verlangen und die zerstörerische Kraft der Sehnsucht.
Triggerwarnung
Tropes
Diese Novelle behandelt u.a. die Themen "Tod" und "Trauer".
Für Leser:innen in einem akuten Trauerprozess NICHT empfohlen!
1. Verlust von Angehörigen
2. Depressive Gedanken / Suizidfantasien
3. Emotionale Abhängigkeit
4. Psychische Instabilität
5. Toxische / manipulative Beziehung
6. Übernatürliche Bedrohung
7. Realitätsverlust
8. Einsamkeit und Isolation
9. Obsessive Liebe
10. Selbstbildprobleme / innere Leere
11. Darstellung von Trauer, Angst und inneren Dämonen (metaphorisch & real)
Personal Loss, Demon, Supernatural, Age Gap (May - December), He Falls First, Fast Burn, Fated Mates
Leseprobe
Kapitel 1
Einhundertfünfzig Tage. Seitdem ist nichts mehr so wie früher.
Man sagt, nach einem Verlust kehre irgendwann der Alltag zurück. Vielleicht habe ich das aber auch irgendwo gelesen. Diese Sache mit: »Die Zeit heilt alle Wunden«. Das ist doch nur Augenwischerei. Ein tröstender Kalenderspruch, den man sich erzählt, mit dem Ziel, dass die Trauer nicht so aussichtslos wirkt. Damit man glauben kann, es werde bald wieder besser. Normal. Aber im Grunde ist es nichts weiter als eine adrett verpackte Lüge. Denn der Alltag kommt nicht zurück. Er stirbt mit den Menschen, die man verliert.
Mein Dad hätte jetzt gesagt: »Sei nicht so schwermütig, Valeria.« Er meinte oft, ich wäre überzogen melancholisch, zu viel Gefühl, zu wenig Freude. Vielleicht hatte er recht. Möglicherweise war ich tatsächlich zu sehr in meiner eigenen Dunkelheit gefangen.
Vor vielen Jahren – ich muss im Grundschulalter gewesen sein – begannen diese Albträume. Ich erinnere mich, wie ich nachts mehrmals weinend aufwachte, mit dem Geschmack von Erde im Mund, als hätte mich jemand lebendig begraben. Und immer wieder diese Bilder: Feuer unter mir, fremde Gesichter, die voller Hass in meine Richtung starrten. Ich war viel zu jung, um zu begreifen, dass so etwas wie ein Scheiterhaufen jemals existiert hatte. Dennoch sah ich diesen oft in Träumen.
Daraufhin schickte man mich zu einer Kinderpsychologin. Es waren nur ein paar Sitzungen. Kaum eine Erinnerung ist mir geblieben. Aber ich erinnere mich, dass die Therapeutin meinen Eltern berichtete, ich sei nicht krank, nur tiefgründig.
»Manche Kinder tragen die Welt ein bisschen schwerer mit sich herum«, meinte sie.
Keine Medikamente. Kein Therapieplan. Nur der Hinweis, ich würde vermutlich einfach ›rauswachsen‹.
Bis heute bin ich es nicht.
Oh Dad … wärst du doch hier, um mich mit deinen Sprüchen zu nerven. Diesmal würde ich dir sogar zuhören …
Das Haus, in dem ich lebe, thront einsam auf einer Klippe, hoch über dem dunklen, zornigen Meer. Zweistöckig, groß, vom Salz der Gischt, vom unablässigen Wind und den Jahren gezeichnet; einst war es voller Wärme und Leben. Nun spiegelt das Haus selbst die Kälte wider, die es beherbergt. Die weiße Fassade ist grau, rissig, verwittert, wie eine Haut, die zu viele Jahreszeiten im Wechsel erlebt hat. Die Fenster starren stumm in die Ferne, wie müde Augen, die zu viel gesehen und verloren haben. Und hinter einer dieser Glasscheiben stehe ich: Valeria. Neunzehn Jahre alt, seelenallein auf dieser Welt, und starre auf das Meer.
Vom ersten Licht des Tages bis zur letzten Spur der Abenddämmerung stehe ich oft hier, bewegungslos, als wäre mein Körper Teil des Gemäuers. Manchmal wiege ich mich leicht hin und her, hypnotisiert von den Strömungen … und so verrinnen die Stunden. Mitunter ganze Tage. Dabei verliere ich jedes Zeitgefühl, während ich mit dem Meer mitschwinge, wie in einem stillen Tanz aus Wogen und Wind. Als spiegele es meine Trauer wider, jede Welle ein Echo tief empfundener Gefühle.
Wenn es ruhig ist – so still, dass selbst der Wind innehält und keine Möwe den Himmel durchquert – dann fühle ich Resignation, als hätte ich mich mit meinem Schicksal abgefunden. Und wenn es tobt, peitscht, brüllt, dann erwacht diese Wut in mir, von jeder Gischtfontäne an die Oberfläche geschleudert: laut, roh, unaufhaltsam. Dann schreie ich, weine, schlage gegen Wände. Ich verliere mich in diesem Rhythmus. Die Zeit löst sich auf. Stunden, Tage, alles verschwimmt.
Eigentlich wäre ich jetzt am College mitten im Leben, zwischen Lachen und Zukunftsplänen. Doch stattdessen bin ich hier: isoliert in diesem Haus, begraben in Kummer.
Der Tod meiner Eltern traf mich wie ein Tsunami, unerwartet, mit voller Wucht, ohrenbetäubend. Kein leiser Abschied, sondern ein Krachen, dass sich in mein Innerstes brannte.
An jenem Tag fuhr ich nicht mit. Zu müde, zu erschöpft. So lautete meine Ausrede, obwohl klar war, wie viel ihnen dieser Abend bedeutete. Wie egoistisch! Mom sollte befördert werden; ein kleiner Kreis von Freunden, ein festlicher Rahmen, ein Neubeginn. Am Türrahmen lächelten sie mich an, verständnisvoll und voller Liebe, wie immer.
»Schlaf gut, Val«, sagte Dad.
Ein Nicken, ein Abwenden. Nicht ahnend, dass ich sie nie mehr sehen würde.
Heute wünsche ich mir so sehr, ich hätte mich noch einmal umgedreht. Sie davon abgehalten, zu fahren. Oder wenigstens gesagt, wie sehr sie geliebt wurden … Stattdessen war das Letzte, was sie sahen, der Hinterkopf ihrer Tochter, halb verborgen unter der Bettdecke, stumm zur Wand gewandt.
Dad war mein ganzes Leben die Nummer eins für mich. Mit niemandem hatte ich je so tiefes Vertrauen, so wortlose Nähe gespürt wie mit ihm. Unsere Seelen sprachen dieselbe Sprache. Er hielt mich, wenn ich fiel. Dad hat mir so vieles beigebracht.
Ich liebte Mom. Aber Dad, er war mein Herz.
Die Straße zu unserem Haus ist schmal und tückisch, ein dünner Streifen Asphalt, der sich an die Klippen klammert, als wüsste er selbst, wie gefährlich er sei. Und genau dort, in jener Nacht, geschah es. Niemand sah oder hörte etwas. Das Auto kam von der Straße ab, rutschte, überschlug sich – und zerschellte an den Felsen. Das Meer tobte so wild an diesem Abend, dass ich nichts bemerkte. Und dass, obwohl der Unfall nur wenige Meter vor unserem Haus geschah.
Als man am Morgen das Wrack fand, war es ausgebrannt, verkohlt und geschwärzt, bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Die Luft roch nach Rauch und Asche. Zwischen den Trümmern lagen zwei Körper. Oder vielmehr das, was von ihnen übrig war. Nur die vage Anordnung der Knochen und ein halb geschmolzener Ehering, ließen erahnen, dass es meine Eltern gewesen sein mussten.
Seitdem ist es still. Kein Lachen mehr in den Fluren, keine Musik in der Küche. Nur ich, einsam wie der Horizont; verloren wie ein Schatten ohne Sonne.
Oft stehe ich vor dem großen Küchenfenster. Es ist alt, mit welligem Glas, das Geräusche dämpft und Licht verzerrt. Wenn es draußen dunkel ist und die Lampe hinter mir brennt, spiegelt sich mein Gesicht in der Scheibe. Ich erkenne mich kaum wieder. Die Gestalt in der Spiegelung kommt mir fremd vor. Mein einst so klarer, jugendlicher Blick ist verschwunden, ausgewaschen von zu vielen Tränen.
Einst leuchtend grün, sind meine Augen nun dunkelrot unterlaufen, als hätten sie jede Hoffnung ausgespült. Meine Lippen sind voll, weich, als wollten sie etwas sagen – doch sie bleiben stumm.
Mein Haar fällt mir schwer über die Schultern, kupferrot und brustlang, wie Herbstlaub, das an mir haftet. Mom sagte immer, ich sähe aus wie eine irische Fee aus alten Sagen: klein, zierlich, mit einem Gesicht aus Porzellan.
Sommersprossen ziehen sich über meine helle Haut, ein Überbleibsel einer Sonne, die ich seit Langem nicht mehr gespürt habe.
Sie ist noch blasser als früher, fast transparent, als gehörte ich gar nicht mehr hierher. Wie ein Geist; gestorben mit meinen Eltern, gefangen in diesem Haus, das nicht lebt.
Ach, wäre ich doch mitgefahren, dann wäre ich jetzt bei ihnen. Vielleicht würden wir dann gemeinsam durch diese leeren Räume wandeln, vereint in Liebe bis in alle Ewigkeit.
Vor wenigen Monaten wurde ich neunzehn. Wenn ich Pech habe, bleiben mir vielleicht noch sechzig weitere Jahre, unendliche Zeit in meinem leblosen Körper und diesem Haus, das nach ihnen riecht und doch so kalt ist. Ich frage mich, wie lange ein Mensch lebt, wenn er längst aufgehört hat zu existieren.
Oft sitze ich auf der Arbeitsplatte, dicht an der Scheibe, bis meine Stirn diese fast berührt. Dann erkenne ich mich noch deutlicher und manchmal glaube ich, da sei etwas hinter mir. Eine Präsenz. Einbildung? Realität? Wer weiß das schon.
Ich streife durch das Haus wie ein Geist, berühre die Wände, als wären sie alte Freunde. Rede mit Bildern, sehe mir Familienvideos von früher an. Ich warte. Auf ein Zeichen. Auf ein Ende. Auf einen Anfang. Auf irgendetwas zwischen den Welten.
Ende der Leseprobe
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