The Quiet Obsession
Du bist nie allein
Klappentext
Im Rampenlicht bewundert.
In der Dunkelheit gejagt.
Seit Jahren lebt die Schauspielerin Claire Whitmoore im Fokus der Öffentlichkeit, doch hinter der glänzenden Fassade regiert die Angst. Während ihr Freund Noah spurlos verschwindet, treiben anonyme Briefe, verstörende Bilder und das Gefühl, niemals allein zu sein, sie an den Abgrund. Jemand beobachtet sie, der ihr gefährlich nah ist.
Als sie Alec Parker begegnet, scheint die Rettung greifbar. Er ist ruhig, aufmerksam und schenkt ihr die Geborgenheit, nach der sie sich sehnt. Aber kann er Claire retten?
The Quiet Obsession - Du bist nie allein ist ein fesselnder, sinnlicher Page-Turner, den du nicht mehr aus der Hand legen kannst.
Triggerwarnung
Tropes / Themes
1. Obsessive Liebe/Besessenheit
2. Stalking/Überwachung/Kontrollverhalten
3. Psychische Manipulation
4. Gaslighting
5. Erniedrigung
6. Toxische Beziehungsmuster
7. Eifersucht/Besitzanspruch
8. Bedrohungssituationen
9. Angstzustände/Panikattacken
10. Sexualisierte Spannung/Belästigung
11. Traumata
12. Schwieriges Elternhaus/Eltern-Kind-Beziehung
13. Essstörung/gestörtes Selbstbild, Körperwahrnehmung
14. Körperliche Gewalt/Mord
15. Tierleid (keine explizite Darstellung)
Stalker, Age Gap, Obsessive Love, Schauspielerin x Tierarzt, Hollywood x Texas
Leseprobe
Prolog
AKTE: TX-AUS-2471-26 | VERMISSTENFALL
VERMISSTE PERSON:
· Claire Whitmoore (25, weiblich, Schauspielerin)
ORT: Austin, TX
VERMISST SEIT: 15 Tagen
GESPRÄCHSPARTNER:
· H.Lowell (FBI – Profiler)
· M.Reyes (APD – Officer Austin Police Department)
STATUS: Untersuchung aktiv
[2026/05/11 – 08:47] SA_H.Lowell (FBI):
Status-Update? Irgendwas Neues seit letzter Nacht?
[2026/05/11 – 08:49] Det_M.Reyes (APD):
Negativ. Keine Sichtungen. Smartphone weiterhin aus. Das letzte Mal am 30. April benutzt.
[2026/05/11 – 08:50] SA_H.Lowell (FBI):
Medien spielen verrückt. Leiter will heute Nachmittag ein Briefing. Er fragt, warum wir noch nichts Konkretes haben.
[2026/05/11 – 08:51] Det_M.Reyes (APD):
Und die Managerin Ms. Rachel Dias? Irgendwas Neues?
[2026/05/11 – 08:52] SA_H.Lowell (FBI):
Gestern mit Ms. Dias gesprochen. Letzter Kontakt mit Ms. Whitmoore am 20. April. Dias sagt, sie habe mit Ms. Whitmoore via E-Mail kommuniziert, dass sie nicht mehr ihre Managerin ist.
[2026/05/11 – 08:54] Det_M.Reyes (APD):
Und der Psychologe? Hat er sich zwischenzeitlich wieder gemeldet?
[2026/05/11 – 08:55] SA_H.Lowell (FBI):
Kein Rückruf. Falls er sich nicht meldet, dann schick heute noch jemanden vorbei!
[2026/05/11 – 08:57] Det_M.Reyes (APD):
Alles klar. Ich prüfe noch mal den CCTV-Radius um ihr Haus. Vielleicht haben die Überwachungskameras der Umgebung doch etwas aufgenommen. Vielleicht ist uns etwas entgangen.
[2026/05/11 – 08:59] SA_H.Lowell (FBI):
Danke. Update spätestens 11:00 Uhr – Leiter will Fakten, keine Ausreden.
ENDE PROTOKOLL: 08:59 Uhr | 2026/05/11
Kapitel 1
Liebes Tagebuch …
Ich schüttle den Kopf und schließe die Tagebuch-App.
Oh mein Gott, ich bin zu alt für so was. Wie lange ist es her, dass ich das letzte Mal meine Gedanken einer Tagebuchseite anvertraut habe. Vermutlich war ich damals in der fünften Klasse. Ich sehe das kleine Buch förmlich vor mir: ein paar hastige Einträge, danach ist es im Bücherregal verstaubt. Bestimmt liegt es noch irgendwo in meinem alten Kinderzimmer. Tagebuchschreiben war nie etwas für mich.
Rasch steige ich aus dem Auto und gehe zu meinem Trailer. Die trockene Hitze von L. A. klebt auf meiner Haut, während ich versuche, das Gespräch mit Dr. Novak zu rekonstruieren.
Er meinte eben in unserer Sitzung, es würde mir helfen, diese App zu nutzen.
Gerne hätte ich ihm interessiert zugehört, hätte verstanden, inwiefern das Schreiben eines Tagebuchs hilfreich sein soll, doch meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Ich ärgere mich über mein eigenes Verhalten. Dreihundert Dollar pro Stunde zahle ich ihm und höre nicht einmal richtig zu.
Noah … warum meldest du dich nicht?
Ich schüttle den Gedanken an ihn ab und versuche, mich verzweifelt daran zu erinnern, was Dr. Novak mir erklärte. Das Einzige, was hängen blieb, ist, dass er sagte, es könne mir helfen, mehr Distanz zu meinen Problemen zu schaffen und mich emotional zu entlasten, wenn ich sie aufschreibe.
Doch wie soll ich Distanz zu Problemen bekommen, die mich seit Jahren wie Geister verfolgen? Er meinte, alles soll genauso aufgeschrieben werden, wie es mir in den Kopf kommt, am besten ohne nachträgliche Korrekturen.
Hoffentlich ist diese App so sicher verschlüsselt, wie Novak versprochen hat. Auf eine App zu vertrauen, fühlt sich plötzlich lächerlich an, wenn mein Smartphone nicht einmal gesichert ist. Technik überfordert mich.
Noah wollte sich eigentlich darum kümmern. Irgendwann. Aber dazu ist es nie gekommen. Falls der Inhalt geleakt wird, war es das mit meiner Karriere. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: TV-Star Claire Whitmoore unter Schock: Intimes Online-Tagebuch gehackt – lesen Sie hier ihre schockierenden Geheimnisse! Bei dem Gedanken wird mir kurz schwarz vor Augen, und mein Magen zieht sich zusammen, ein bekanntes, galliges Gefühl.
Seit Ewigkeiten bin ich in diesem ach so glamourösen Business und habe es geschafft, keinen nennenswerten Skandal zu provozieren. Zumindest keinen einzigen, der nicht nach einem Tag vergessen war. Wie Mom immer sagt, wenn etwas Negatives in der Presse steht: Morgen wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben. Bis jetzt hatte sie recht, zumindest in diesem Punkt.
Wie es ihr wohl geht? Wie es auf der Farm läuft? Ich hoffe, es ist alles okay dort. Schon ewig herrscht Funkstille zwischen uns, und vermutlich ist das auch besser so. Doch kaum schleicht sich das Bild meiner Mom in meine Gedanken, zwinge ich mich, sie wieder zu verdrängen.
Mein Blick findet erneut das Icon der App auf dem Homescreen meines iPhones. Das Logo zeigt einen gezeichneten Eisbären mit einem Reißverschluss vor dem Mund. Dieses Bild wirkt skurril, vor allem beim Gedanken daran, was diesem Tier vermutlich alles anvertraut wird. Egal, wie unangenehm das hier wird: Wenn mein Psychologe sagt, dass dieses Programm sicher ist, dann wird das so sein.
Definitiv ist es ungefährlicher als ein Notizbuch. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, wo ich das überall liegen lassen könnte. Da ich so ein Schussel bin, sind die Möglichkeiten grenzenlos. Im Restaurant, in der Maske, am Set … allein die Vorstellung lässt mein Herz schneller schlagen und mir wird heiß.
Diese App ist wenigstens mit Passwort und Code per Nachricht geschützt. Ich hoffe so sehr, dass ich das Passwort nicht vergesse. Ein weiterer Vorteil dieser App – zumindest für Schreibfaule wie mich – ist die Diktierfunktion. So werde ich diese schier unendlich langen Drehpausen am Set zukünftig vernünftig nutzen.
Meist sitze ich allein irgendwo am Rande der Soundstage, starre auf den schwarzen Bildschirm meines iPhones und warte, dass sich Noah meldet. Vergeblich. Ich haste über das Studiogelände und bin endlich in meinem Trailer ange-kommen. Gott sei Dank hat mich niemand gesehen. Trotz der Sonnenbrille und der tief ins Gesicht gezogenen Cap ist mir deutlich anzusehen, wie angeschlagen ich bin.
Vor dem großen, beleuchteten Vanity-Spiegel sitzend, bleiben meine Augen an den künstlichen Pfingstrosen hängen, die neben dem Glas stehen. Diese Blumen sind genauso fake wie ich. Miranda, die Set-Designerin, hat sie hier platziert. Nicht einmal in meinem Trailer darf es so sein, wie ich es gerne hätte – es könnte ja sein, dass ich hier interviewt werde, und dann muss natürlich alles so aussehen, wie es die Produktion vorschreibt.
Im grellen, warmen Licht der Beleuchtung starre ich mich an und bemitleide meine Make-up-Artistin Eve. Gleich geht es für mich in die Maske. Da wird sie einiges an Arbeit vor sich haben, bis ich wieder aussehe wie die Schauspielerin, der Star: Claire Whitmoore.
Seit Tagen habe ich kaum eine Nacht durchgeschlafen; meine Lider sind geschwollen und gerötet. Ich sehe aus, wie ein Schatten meiner selbst. Unter meinen Augen zeichnen sich tiefe, dunkle Ringe ab und diese lassen jeden wissen, dass ich wenig schlafe. Meine Nase und die Oberlippe sind wund vom ständigen Reiben der Taschentücher. Mein blondes Haar steht wirr ab, statisch aufgeladen von der Mütze. Mein Anblick im Spiegel schreit hinaus, dass die Fassade bröckelt.
Die vorherigen Drehtage waren der Horror. Heute wird endlich die letzte Folge der Staffel gedreht. Rachel drängt darauf, dass ich den Vertrag für die kommende Staffel unterschreibe. Klar, sie ist meine Managerin, es ist ihr Job, zu vermitteln. Nur schade, dass sie nicht akzeptiert, dass ich Zeit brauche.
Ich bin fünfundzwanzig und drehe seit so vielen Jahren diese bescheuerte Serie. Das war so nie geplant, und das haben wir oft besprochen. Es gibt nur wenige andere Angebote, was mich nicht wundert. Wir sprechen nicht darüber, so ehrlich würde sie mir das nicht sagen, dafür profitiert sie zu sehr von mir, doch ich weiß es.
Ewig spiele ich das Girl Next Door und hasse es, Cassie zu verkörpern. Das Einzige, was uns verbindet, ist der Anfangs-buchstabe unserer Vornamen. Sie ist so eindimensional, dass ich es mittlerweile unerträglich finde, sie darzustellen. Von Staffel zu Staffel wurde mir versprochen, dass sich meine Rolle ändern wird, dass ich mehr Facetten zeigen darf, als nur die einfältige Tochter des Bürgermeisters zu sein. Große Storylines, schauspielerische Herausforderungen: Nichts davon ist bisher passiert.
Mein Magen grummelt, ein hohles, forderndes Geräusch, das ich ignoriere, wie so oft. Der Salat-to-go von eben wird jedoch reichen müssen.
In der Szene, die ich gleich mit Cody drehe, überrascht er Cassie in der Umkleidekabine eines Kaufhauses, während sie nichts außer Dessous trägt. Es wundert mich nicht; es ist ein Drehbuch, das Wagner geschrieben hat. Es ist extrem auffällig, dass in jeder Folge aus seiner Feder mindestens eine Szene vorkommt, in der ich kaum etwas anhabe. Ebenso führt er stets bei diesen Folgen Regie.
Ich fürchte, nach dem Essen einen Blähbauch zu bekommen, und verwerfe den Gedanken, mir etwas vom Catering zu nehmen. Die Panik, vor der Kamera unvorteilhaft auszusehen, schnürt mir die Kehle zu.
Noah meinte vor Kurzem schon, ich würde mich gehen lassen. Dabei wiege ich mich täglich. Laut Kalender halte ich seit zweihundertfünfundsiebzig Tagen mein Gewicht. Dr. Novak und ich versuchen, das mit dem Wiegen in den Griff zu bekommen, aber bis jetzt habe ich es noch nicht geschafft.
Noah und ich sind seit neun Jahren zusammen. Er war meine große Highschool-Liebe. Wenn ich daran denke, wie er früher zu mir war, werde ich von einer Welle Wehmut überrollt. So liebevoll, fürsorglich, er hat mich behandelt wie seine Prinzessin. Heute gibt er mir oft das Gefühl, nicht genug zu sein. Meistens ignoriert er mich – es sei denn, Schecks für sein Restaurant müssen unterschrieben werden. Ich traue mich gar nicht mehr, zu fragen, wie Meat läuft. So oft habe ich ihm empfohlen, es zu verkaufen, irgendetwas anderes zu machen, etwas, das ihn erfüllt. Noah kann mir nicht erzählen, dass dieses Restaurant ihn glücklich macht. Er wirkt nicht happy. Genauso wenig wie ich. Unsere Karrieren sind Einbahnstraßen.
Heute hat er sich wieder nicht gemeldet. Früher haben wir uns den ganzen Tag Nachrichten geschrieben. Damals tauschten wir uns über jede Kleinigkeit aus, oft völlig belanglos, und trotzdem war da dieses Gefühl, gesehen zu werden. Heute bleibt mir oft nicht mehr, als froh zu sein, wenn ich wenigstens weiß, wo er gerade steckt, geschweige denn überhaupt eine Antwort zu bekommen.
Heute Abend fliege ich nach Austin und bin gespannt, wie es zwischen uns sein wird, nachdem wir uns so lange nicht mehr gesehen haben.
Ob er sich freut, mich wiederzusehen? Vielleicht schlafen wir wieder miteinander.
Während Cassie im Drehbuch ständig mit neuen Kerlen im Bett landet, läuft in meinem echten Leben gar nichts. Lustig, dass ich in Interviews als Hot Girl verkauft werde, während die Realität eher Zölibat heißt. Ewig hat er mich nicht mehr angefasst. An unserem letzten gemeinsamen Abend, bevor ich nach Los Angeles geflogen bin, sagte er, dass ein paar Kilo weniger mir deutlich besser stehen würden.
Diese Worte hallen in meinem Kopf nach, jedes Mal, wenn ich vor dem Spiegel stehe.
Er hat recht, sage ich mir dann. Er will nur, dass ich perfekt bin. Die alte Claire sei hotter gewesen. In diesem Moment war ich fassungslos. Er weiß, wie streng ich auf mich achte und wie mich meine Kindheit noch bis heute belastet.
Was soll ich denn noch tun? Mehrmals wöchentlich trainiere ich mit einem Personal-Coach, habe permanent irgendwelche Beautybehandlungen, jage jedem Schönheitstrend nach, und dennoch ist es ihm nicht genug. Als wäre es mir nicht erlaubt, zu altern, nicht gestattet, mich weiterzuentwickeln. Aber wehe, ich sage etwas zu ihm.
Ich erinnere mich genau daran, als eine Gossip-Zeitschrift für diese Homestory bei uns war und Noah weder rasiert war, noch es für nötig hielt, sich zurechtzumachen. Behutsam habe ich erklärt, wie wichtig dieser Termin sei, und ihn gebeten, sich wenigstens umzuziehen. Daraufhin ist Noah ausgerastet, hat sich Scout geschnappt und das Haus verlassen. Es fiel mir unglaublich schwer, der Frau von der Presse zu erklären, warum er so wütend mit unserem Hund davongestürmt ist. Das war so demütigend und verletzend.
Klar, es sind nicht mehr die gleichen Gefühle wie in der Anfangszeit. Aber ich frage mich oft, warum er noch mit mir zusammen ist.
Ein Klopfen an der Tür meines Trailers holt mich aus den Gedanken. Es ist der schüchterne, neue Set-Assistent. Ich denke, er ist etwa zwanzig Jahre alt.
»Hallo Ms. Whitmoore, könnten Sie bitte in zehn Minuten in die Maske kommen?« Nervös starrt er auf sein Klemmbrett und vermeidet den Augenkontakt. Er nestelt an seinem karierten Hemd, als wollte er sich dahinter verstecken.
»Hi Mike, du darfst mich gerne Claire nennen. Das reicht vollkommen. Danke für die Info, ich mache mich gleich auf den Weg.«
Seine Augen weiten sich, und für einen Moment wirkt es, als bliebe ihm die Luft weg. Gewiss ist es ihm unangenehm, erneut daran erinnert zu werden, dass er mich gerne mit Vornamen ansprechen darf. Vermutlich ist es ebenso irritierend für ihn, dass ich seinen Namen kenne.
Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind so in ihrer Welt, dass sie sich nicht einmal die Mühe machen, Set-Assistenten anzusehen oder gar zu versuchen, sich die Namen zu merken. Mike ist ein extrem schüchterner Kerl. Es ist ihm fast unmöglich, Augenkontakt mit mir zu halten, wenn er mit mir spricht. Sein auffälliger Akzent verrät, dass er nicht aus Los Angeles stammt, auch wenn ich nicht herausfinden kann, woher genau. Er trägt konservative, fast altmodische Sachen: viel zu große, karierte Hemden. Alles an ihm wirkt, als hätte seine Mom ihm morgens seine Klamotten ordentlich aufs Bett gelegt. Seine Brille rutscht ihm ständig von der Nase. Sobald ich in seiner Nähe stehe, spannt sich sein ganzer Körper an, als würde er auf ein unsichtbares Kommando warten. Er ist still. Zu still. So still, dass es auffällig ist. In den Drehpausen steht er meist am Rand, etwas abseits von den anderen Assistenten und Praktikanten, mit einem Pappbecher Kaffee in der Hand, als würde er nicht wissen, wohin mit sich. Ich habe mehr als einmal mitbekommen, wie andere über ihn lachen oder spitze Bemerkungen machen, die er mit einem unsicheren Lächeln hinnimmt, ohne sich zu wehren. Manchmal überlege ich, mich einfach zu ihm zu setzen und ihm Gesellschaft zu leisten. Aber ich zögere bisher immer, denn ich habe das Gefühl, dass er mich nicht nur nett findet. Da ist etwas in seinem Blick – wenn er sich doch einmal traut aufzusehen –, das mehr ist als bloße Freundlichkeit. Eher eine glühende Bewunderung. In solchen Momenten läuft mir ein kalter Schauer über meinen Rücken.
Ich habe Angst, dass ein gemeinsamer Kaffee am falschen Ort zur falschen Zeit für ihn mehr bedeuten könnte, als ich bereit bin zu geben.
»Ms. Wh… ich meine Claire, sorry. Ich hab hier noch was für dich.« Er blättert hastig in den Unterlagen, hebt ein paar Blätter an und zieht etwas hervor.
Das Lächeln auf meinen Lippen erfriert, sobald ich erkenne, was er mir hinhält. Langsam greife ich nach dem Umschlag, murmele ein Dankeschön und schließe hastig die Tür des Trailers.
Ein Blick auf das schwere, hochwertige Papier des Kuverts reicht, um zu wissen, wer der Absender ist. Mein Herz hämmert so laut, dass es die Geräusche um mich herum übertönt. Wochenlang war es still, kein Zeichen, keine Nachricht. Und ausgerechnet heute, ausgerechnet jetzt, taucht er wieder auf.
Allmählich setze ich mich an den Tisch, lege den Brief dort ab und starre ihn an. Meine Hände zittern, mir ist speiübel. Langsam, als könnte jede Bewegung den Umschlag zum Explodieren bringen, nehme ich ihn erneut in die Hand. Die Schrift springt mir entgegen, kantig, unverkennbar, wie in Stein gemeißelt. Ich erkenne diese Handschrift überall wieder. Mitten auf der Vorderseite prangt Claire in blutroter Farbe. Ich sammle all meinen Mut, entschlossen, ihn zu öffnen. Mein Herz schlägt gegen meine Rippen, mir wird unerträglich heiß. Schweiß bildet sich auf meiner Haut. Ich habe Angst vor dem, was mich dieses Mal erwartet.
Langsam, fast widerwillig, fahre ich mit dem Fingernagel unter die Lasche. Das Papier gibt leise nach, ein kaum hörbares Knirschen, das sich in meinen Ohren wie ein Donnerschlag anfühlt. Mir stockt der Atem. Der Umschlag wirkt lebendig, als hätte er ein Eigenleben und sei sich bewusst, dass ich seine Geheimnisse lüften werde. Ein Zittern läuft mir den Rücken hinab, der Nagel rutscht weiter, Millimeter für Millimeter.
In dem Moment, in dem ich die erste winzige Öffnung ertaste, klopft es an die Tür.
Ende der Leseprobe
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